Mitte ist die Voreinstellung jeder Berlinreise — Brandenburger Tor, Museumsinsel, die Hackeschen Höfe. Charlottenburg ist der Ort, zu dem das ältere Publikum und die Berliner Generationen, die nie wegzogen, immer wiederkehren — und das Kapitel argumentiert, dass die Charlottenburg-Buchung die aussagekräftigere ist.
Jede Berlinreise beginnt mit der Mitte-Frage. Wo übernachten, wo das Abendessen buchen, wo nach dem Museum spazieren, wo den Morgenkaffee nehmen. Mitte ist die Antwort, die die Stadt bewirbt, und die Antwort, die die meisten Reiseführer wiederholen. Das Kapitel bestreitet nicht, dass Mitte die meistgebuchten Säle (Rutz, Borchardt, Grill Royal, Cookies Cream) und die meistfotografierten historischen Stätten (Brandenburger Tor, Museumsinsel, Hackesche Höfe) hält. Das Kapitel argumentiert, dass die Charlottenburg-Buchung die aussagekräftigere ist — der Test, ob der Besucher Berlin als Tourist oder als das Publikum liest, für das das Kapitel geschrieben ist.
Charlottenburgs Fall beginnt mit Kontinuität. Das Viertel war vierzig Jahre lang (1948-1989) die Innenstadt West-Berlins, und die Institutionen, welche die Stadt rund um den Kurfürstendamm aufbaute — Café Einstein Stammhaus ab 1978, Paris Bar ab 1979, Zwiebelfisch ab 1965, Lutter & Wegner als ältere Schwester des Borchardt ab 1811 — sind in einer Weise durch die Mauer-Ära kontinuierlich, wie Mittes es nicht sind. Mitte war bis 1989 Ost-Berlin; viele seiner aktuellen Säle (Wiedereröffnung Borchardt 1992, Grill Royal 2006, Cookies Cream 2012) befinden sich in ihrer zweiten oder dritten Betreiber-Generation an der heutigen Adresse. Charlottenburgs in der fünften oder sechsten.
Die Kontinuität wirkt sich auf die Klientel aus. Das Café Einstein Stammhaus am Samstagmorgen um 9:30 ist einer der wenigen Berliner Orte, an denen das Publikum tatsächlich vier Generationen überlagert — die Eltern, die in den 1950ern nach West-Berlin kamen, deren Kinder, deren Enkel, die internationale Klasse, die ins Berliner Familienbuch eingeheiratet hat — an Nachbartischen. Die Paris Bar am Donnerstag um 22 Uhr ist der Ort, an dem die ältere Kunstwelt-Generation, die zeitgenössischen Kunstschreiber, die Galeristen und die durchreisenden Auktionshaus-Führungskräfte an derselben langen Theke sitzen. Der Raum funktioniert als das West-Berliner Kulturgedächtnis, das die Stadt nicht kuratiert hat und das schwerer zu erfinden als zu erhalten ist.
Der zweite Fall für Charlottenburg ist geografisch. Das Viertel ist breit — Schloss Charlottenburg am westlichen Ende, der Kurfürstendamm läuft ostwärts zum Wittenbergplatz, das Buchhandlungs-und-Bistro-Gitter rund um den Savignyplatz in der Mitte, KaDeWe an der Schöneberger Kante. Es zu Fuß abzulaufen kostet einen vollen Tag; das Publikum, das diesen Spaziergang macht, liest mehr Berliner Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts als das Publikum, das Mittes Touristenachse abläuft. Das Olympiastadion (1936), Schloss Charlottenburg (1699), die Kantstraßen-Künstlerateliers (1920er), die Kurfürstendamm-Kaufhäuser (1900-1945-1955-Wiederaufbauten) — die Schicht liest sich kontinuierlich, nicht als die Ost-West-vor-und-nach-1989-Schnitte, die Mitte präsentiert.
Der dritte Fall ist das Esserregister. Charlottenburg hält das ältere Berliner Restaurantregister, das das Kapitel ernst nimmt: das Kaffeehaus im Wiener Stil (Café Einstein Stammhaus), die Literatenkantine (Zwiebelfisch), den Brasserie-Kunstwelt-Hybriden (Paris Bar), die Kaufhaus-Lebensmittelhalle (KaDeWe Feinschmecker-Etage), die älteren Hotelrestaurants (Brandenburger Hof in Wilmersdorf, Hotel Bristol am Ku'damm). Das Format liest sich älter als Mittes, weniger fotografiert als Mittes, und die Küchen tun Dinge, die seit vor der Großelterngeneration des Publikums kontinuierlich sind. Der Istanbul-Besucher, der Kontinuität-als-Qualität bei Şükrü Kemal in Beşiktaş oder Yedigün in Sultanahmet gelesen hat, erkennt Charlottenburg sofort.
Was Mitte tut, was Charlottenburg nicht kann, ist das Neu-Berliner Register — der Drei-Sterner Rutz, der versteckte vegetarische Ein-Sterner Cookies Cream, das Sehen-und-Gesehenwerden Grill Royal, das Hackesche-Höfe-Boutique-Gitter, die Friedrichstraßen-Einkaufsmeile, der Spaziergang über die Museumsinsel. Das Kapitel weist keines davon zurück; die Reise wird nicht schlechter, wenn man ein Mitte-Abendessen bucht. Das Kapitel argumentiert, dass das Publikum, das nur Mitte bucht, die West-Berliner Schicht verpasst, welche die Stadt aufgebaut hat und welche die älteren Berliner Generationen noch immer lebendig halten. Die Reise, die einen Mitte-Abend, einen Charlottenburg-Abend und einen Kreuzberg- oder Neukölln-Abend bucht, liest die Stadt; die Reise, die drei Mitte-Abende bucht, liest die Broschüre.
Die Buchungssequenz, die das Kapitel empfiehlt: Samstagmorgen im Café Einstein Stammhaus oder im sechsten Stock des KaDeWe, Samstagmittagessen am Savignyplatz im Zwiebelfisch, Samstagsnachmittag den Kurfürstendamm hinunter zum Schloss Charlottenburg, Samstagabend in der Paris Bar mit dem späteren Cocktail im Lebensstern. Das Publikum, das dies tut, liest, was Charlottenburg richtig macht, was Mitte nie konnte, und tritt sonntagmorgens zum Mitte-Kaffee mit dem länger-formatigen Berlin bereits in der Akte an. Wer dies auslässt, liest nur die Stadt, die Mitte präsentiert, und verpasst, wofür dieses Kapitel geschrieben ist.