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Wo essen die Berliner?

Mes Prestiges Redaktion ·

Auf der touristischen Stadtkarte stehen die Lokale rund um das Brandenburger Tor, das Hofbräu Berlin und den Checkpoint Charlie. Genau diese Adressen steuern Besucher als Erstes an, und genau dorthin gehen die Berliner so gut wie nie. Das eigentliche kulinarische Leben der Hauptstadt spielt sich woanders ab: im Drei-Sterne-Rutz an der Chausseestraße in Mitte, bei Tim Raue in der Seitenstraße am Rudi-Dutschke-Haus in Kreuzberg, rund um den Savignyplatz hinter dem Kurfürstendamm in Charlottenburg und im Korridor der Sonnenallee in Neukölln.

Diese Liste zeigt, wo Berlin tatsächlich essen geht. Der Maßstab ist einfach: Sind das Adressen, die man einem anspruchsvollen Gast aus dem Ausland guten Gewissens empfehlen würde? Die elf Häuser, die diesen Filter bestehen, stehen für drei verschiedene Schichten der Berliner Esskultur: den Anspruch der Spitzengastronomie, die ernsthafte Version der klassischen Berliner Institutionen und die Lokale, die in der westberliner Kontinuität von Charlottenburg fortleben.

Ein Hinweis vorab: Die Döner-Schicht Berlins steht hier bewusst nicht im Mittelpunkt; diese Debatte verdient einen eigenen Text. Hier geht es um die Häuser, die man beim zweiten Besuch der Stadt tatsächlich reserviert, um die Linie, die sich die berliner Profiklasse selbst zieht.

Berliner Spitzenküche: die Sterne-Schicht

Berlins Michelin-Sterne sind nicht zahlreich, aber dicht. Das einzige Drei-Sterne-Haus der Stadt und eine Handvoll Zwei-Sterne-Lokale bilden die Schicht, für die man auf einer Reise die eine wichtige Reservierung macht. Die vier Adressen dieses Abschnitts stehen für die ambitionierte Seite Berlins.

  1. Rutz

    Mitte · Drei-Sterne-Michelin Degustationsmenü · $$$$

    Das einzige Drei-Sterne-Restaurant Berlins. Marco Müllers Haus an der Chausseestraße in Mitte ist eine fortlaufende Auseinandersetzung mit deutschem, regionalem Produkt, gefiltert durch klassische Technik. Das Menü Inspirations bildet den Kanon des Hauses. Eine Etage tiefer schöpft die Weinbar Rutz aus demselben Keller zu Neo-Bistro-Preisen, ein Michelin-Stern für sich. Für die berliner Gourmet-Klasse ist das die Adresse, wenn eine Reise auf eine einzige Reservierung gebaut sein soll.

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  2. Restaurant Tim Raue

    Kreuzberg · Zwei-Sterne-Michelin asiatisch-modern · $$$$

    Zwei Michelin-Sterne für asiatisch-moderne Küche in Kreuzberg. Tim Raues Programm, kantonesische Präzision, thailändische Aromatik und japanische Saisonalität, ohne Mehl, ohne Milchprodukte, ohne europäisch-klassische Reduktion, ähnelt in Berlin nichts anderem. Dass es eine À-la-carte-Karte gibt, ist auf Zwei-Sterne-Niveau ungewöhnlich; das Mittagsmenü ist der Geheimtipp. Durch die Folge von Chef's Table auf Netflix (2018) ist der Name vielen ohnehin ein Begriff.

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  3. FACIL

    Tiergarten · Zwei-Sterne-Michelin modern europäisch, Hotelflagschiff · $$$$

    Zwei Michelin-Sterne im fünften Stock des Mandala Hotels am Potsdamer Platz, in einem von vier Seiten lichtdurchfluteten Glaspavillon. Michael Kempfs modern-europäisches Programm zeigt eine deutliche mediterrane Neigung. Auch mittags geöffnet, was auf diesem Niveau selten ist. Die architektonische Eigenständigkeit des Raumes ist ein Gegenmittel zum brutalistischen Tresen-Trend.

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  4. Nobelhart & Schmutzig

    Kreuzberg · Ein-Stern-Michelin + Green Star, Tresen-Degustationsmenü · $$$$

    Ein Michelin-Stern und ein Grüner Stern in Kreuzberg, das radikalste Beschaffungskonzept Berlins. Billy Wagners neunzehn Plätze am Tresen werden ausschließlich mit Produkten von Erzeugern aus Berlin-Brandenburg im Umkreis von 200 Kilometern bestückt: kein Pfeffer, keine Schokolade, keine Zitrusfrüchte. Das hyperlokale Versprechen wird konsequent durchgezogen, mit Wurzelgemüse aus Brandenburg statt importierter Aromen.

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Klassisches Berlin: Institutionen in Charlottenburg und Mitte

Die alten Häuser Berlins, die Linie, die die Mauerzeit überdauert hat und die ältere Generationen bis heute lebendig halten. Die drei Adressen dieses Abschnitts sind Institutionen, die man als gelebte Kontinuität von Qualität lesen kann.

  1. Paris Bar

    Charlottenburg · Brasserie französischen Stils · $$$

    Eine französische Brasserie, 1979 an der Kantstraße in Charlottenburg eröffnet. Die Wände hängen voll mit Werken von Martin Kippenberger, Daniel Richter, Jonathan Meese und Albert Oehlen; vieles davon wurde mit Abendessen-Krediten beglichen. Die Küche ist nicht filigran, sondern souverän, und genau darum geht es: Man kommt für den Raum, für das Publikum, für die Kunst an den Wänden. Bis heute ein funktionierendes Stück Berliner Kulturgedächtnis.

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  2. Borchardt

    Mitte · Klassische Berliner Brasserie · $$$

    Die Wiedereröffnung einer Brasserie von 1893 an der Französischen Straße in Mitte. Hier wird das politische und mediale Macht-Mittagessen Berlins zelebriert. Das Wiener Schnitzel ist die Bestellung, die einen ausweist; der Saal hoch, mit Säulen und Spiegeln. Die Pressekorps des Bundestags, der Regierungsapparat und ausländische Diplomaten reservieren denselben Raum. Die Küche macht seit 130 Jahren eine Sache perfekt.

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  3. Lutter & Wegner Gendarmenmarkt

    Mitte · Klassische Berliner Brasserie / Wirtshaus · $$$

    Eine Sekt-und-Wiener-Schnitzel-Institution an der Ecke des Gendarmenmarkts, seit 1811 in Betrieb. Der Legende nach wurde das deutsche Wort Sekt in diesem Haus geboren. Klassisches Berliner Wirtshaus trifft Brasserie; die Terrasse am Gendarmenmarkt ist die Sommerbühne, der holzvertäfelte Saal im Hinterraum die Winteradresse.

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Modernes Berlin: küchengeführt und im Kiez

Die Lokale, die die berliner Profiklasse wöchentlich reserviert; der Stil von Designdirektorinnen, Architekten und Journalistinnen. Die vier Adressen dieses Abschnitts sind modern-europäisch oder modern-deutsch, küchengeführt, mit Naturwein.

  1. Horváth

    Kreuzberg · Zwei-Sterne-Michelin österreichisch-modern · $$$$

    Zwei Michelin-Sterne am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Sebastian Franks österreichisch-modernes Programm setzt auf Sellerie, Rote Bete, Fermentation und ein gemüsezentriertes Bekenntnis. Das vegetarische Tasting-Menü ist das schlüssigste Argument dafür, was regionale Küche auf Berlins Zwei-Sterne-Niveau sein kann.

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  2. Lokal

    Mitte · Modern deutsches Bistro · $$$

    Ein modern-deutsches Bistro an der Linienstraße in Mitte. Ein wöchentlich wechselndes, festes Drei-Gänge-Menü aus brandenburgischem Produkt, offene Küche, Naturwein-Karte. Wer den ganzen Tag Entscheidungen getroffen hat, will am Abend keine lange Karte mehr studieren; hier entscheidet das Haus für einen.

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  3. Hallmann & Klee

    Neukölln · Ein-Stern-Michelin modern europäisch · $$$

    Sarah Hallmanns mit einem Michelin-Stern ausgezeichnetes Haus an der Böhmischen Straße in Neukölln. Modern-europäisch, offene Fermentationshandwerk, monatlich wechselnde Menüs. Der Sonntagsbrunch gehört zu den am stärksten nachgefragten der Stadt und rechtfertigt allein schon eine Anreise.

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  4. Katz Orange

    Mitte · Modernes Slow Food · $$$

    Im Innenhof einer umgebauten Brauerei an der Bergstraße im Norden Mittes. Das zwölf Stunden geschmorte Candy-Bomber-Schwein ist die Bestellung, die einen ausweist. Das Format ist die schlüssigste Version eines Brooklyn-Stil-Berlins; Slow-Food-Atmosphäre, ideal für Gruppen von vier bis sechs Personen.

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Berlin hat einen ausgeprägten Jahresrhythmus: von Mai bis September lange Tageslichtstunden und Terrassenkultur, danach die braune, verregnete Stille des Oktobers und Novembers, im Dezember das Gedränge der Weihnachtsmärkte und im Januar und Februar die stillste, am Fenster sitzende Stimmung der Stadt. Die besten Monate für einen Besuch sind das späte Frühjahr von Ende Mai bis Mitte Juni sowie der Frühherbst von Anfang September bis Mitte Oktober: das Wetter mild, die Häuser noch nicht erschöpft, Reservierungen leichter zu bekommen.

Eine mögliche Choreografie: an einem Abend eine Michelin-Reservierung in Mitte (Rutz oder Tim Raue), am nächsten Tag ein Samstagvormittag in Charlottenburg (Café Einstein Stammhaus oder die sechste Etage des KaDeWe) plus Mittagessen am Savignyplatz (Zwiebelfisch), ein Spaziergang am Schloss Charlottenburg, abends die Paris Bar und ein Cocktail im Lebensstern; am dritten Tag die Achse Neukölln–Kreuzberg (Markt am Maybachufer, Spaziergang über die Sonnenallee, Dessert bei Coda oder Abendessen bei Hallmann & Klee). Diese Liste trägt genau diesen Drei-Tage-Aufbau.